Lebenslauf

Im Allgäu geboren noch in Friedenszeiten. Dass auch diese nicht so friedlich verliefen, drang nicht in unsere behütete Kinderstube unter dem Rubihorn. Die Kriegszeiten verschafften sich erst in das Kinderheim unserer Eltern Einlass (in unserem geschützten Bergtal), durch Briefe, die an die Heimkindern geschrieben und ihnen vorgelesen wurden, dann auch durch die knappen Lebensmittel und durch die Flugzeuggechwader die Tag/Nacht unseren Himmel durchschnitten, durch den Zusammenbruch des 3. Reiches, die einmarschierenden Franzosen, und durch die Schicksale der vielen Flüchtlinge, die schließlich in unserem Betrieb den Neuanfang versuchten.

 

Weil es unseren Eltern in diesen wirren Zeiten vorerst nicht mehr gelungen ist, eine effektive Hauslehrerin an Land zu ziehen, störte keine Schule unser reiches Leben. Wir hüteten die Kühe. Dabei las ich Schillers Dramen, die ich auf meine Weise bebilderte. Wir modellierten Tonpferdchen, lernten die Wolle unserer Schafe zu verspinnen und strickten daraus lange Strümpfe. Damals juckte Schafwolle noch nicht. Man freute sich über die Wärme. Auf dem Sitz unserer Pappel schrieb ich meine ersten Geschichten… Als ich 12 ½ Jahre alt war, kam nun wirklich ein Lehrer ins Haus. Leider nur für zwei Jahre. Der stieg mit uns auf dem Rubihorn herum oder auch sonst wo. Zeigte uns die Lebenszusammenhänge der verschiedenen Blumen, die Gesteinsarten und die Faltung der Alpen und trieb mit uns Wetterkunde. Oben auf dem Rubihorn machten wir Mathematik und in der Pause auf dem Abstieg las er uns Lichtenstein von Hauff vor.

Als wir dann in die altersentsprechenden Klassen in die ortsübliche Oberrealschule gehen mussten, gab es ein herbes Erwachen. Obwohl Kinderheime gerade aus der Mode kamen und unsere Eltern in einer finanziellen Klemme steckten, haben sie uns dennoch nacheinander auf die Waldorfschule geschickt. Dort habe ich meinen Lebensunterhalt dann selbst verdient durch Nachhilfeunterricht und Babysitten, habe im Stuttgarter Staatstheater an den Arabesken des Baldachins der Salome bis spät in die Nacht genäht oder die Römische Wölfin in Pappmaché gekleistert u.ä.

 

Nach dem Abitur habe ich in Norwegen auf einem biologisch dynamischen Hof gearbeitet und auf einem Herrenhof in Schweden. Im Medizinstudium unterschied sich dann mein Leben nicht wesentlich von dem anderer Studenten. Verdient habe ich es mir über die Wochenenden mit Bereitschafts- und Nachtdiensten. Schwieriger war es dann als Ärztin die ganze eigene Familie durchzubringen.

 

Ich bin überzeugt, dass mir die ungewöhnlich reiche Kindheit im Allgäu die Kraft gegeben hat, neben Beruf- und Mutterzeit auch immer noch ein wenig zu schreiben.

 

 

 

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Holle-Elke Nast